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Das Haus, das die Tränen schluckt – oder: kann die Kirche sich selber trösten?

Überlegungen im Nachklang auf die Tagung „Abschied und Neubeginn“

„Doleo, ergo sum. Ich schmerze, also bin ich!“: In diese Aussage sieht der Kieler Philosoph Hermann Schmitz die Grundkonstante menschlichen Seins, - in bewusster Abgrenzung zum Cartesianischen Diktum „Cogito, ergo sum. Ich denke, also bin ich.“ Wird das Selbstverständnis durch kollektives Leiden auch die „Seele“ unserer Kirche prägen? Wird aus dem Haus, das die Träume verwaltet, in diesen Zeiten zuletzt das Haus, das die Tränen schluckt? In einem doppelten Sinne schluckt, trauernd und verdrängend?

Die NEK als Organisation steht vor einem Reformvorhaben, wie es seit dem Zusammenschluss der Nordelbischen Landeskirchen keines mehr gab. Und mit dieser Reform kommt ein besonderes seelsorgerliches Problem auf organisatorischer Ebene zum tragen, das in der Pastoraltheologie schon als das der „hilflosen Helfer“ bearbeitet wurde: Evangelische Kirche hilft an jenen Übergängen erfolgreich, in denen sich in Familie und Gesellschaft etwas reformiert, in denen Menschen sterben und geboren werden, in denen sie sich verlieren und neu finden. Evangelische Kirche stellt auch Räume und Rituale bereit, das Unfassbare, den Schmerz zu bearbeiten, vielleicht sogar zu bewältigen, wenn etwas gesamtgesellschaftlich ins Wanken gerät – wie zum Beispiel nach dem 11. September 2001. Die Frage, ob die Kirche angesichts der um sich greifenden apokalyptischen Ängste besonders in dieser Hinsicht eine zwiespältig blühende Zukunft erwartet, sei anheim gestellt. Im Hinblick aber auf ihren eigenen Schmerz, ihr eigenes Abbrechen und Absterben weiß sie sich, jedenfalls auf der Ebene der Organisation, zurzeit kaum zu helfen. Verantwortungsträger fragen sich, wie man solche Abbrüche feiert. Und die Betroffenen beklagen immer zuerst das Ungenügende daran. „Ich mag keine Trauerfeiern, in denen es um meine Existenz geht!“, hört man Mitarbeiter sagen. Aber wie trauert denn Kirche angemessen um Teile ihrer selbst? Obendrein mit denen, die existentiell betroffen sind?


Mit der Tagung „Abschied und Neubeginn“ hat das Pastoralpsychologische Institut der NEK dies Problem erkannt und versucht sich ihm anzunehmen, als Fachstelle für Seelsorge ganz gemäß ihrer Funktion im organisatorischen Gesamtsystem. Als Synodaler eines Kirchenkreises, der ein internes Reformprogramm „Kontinuität und Erneuerung – Südtondern 2007“ mit verantwortet, werde ich bereits durch den Titel auf den entscheidenden Perspektivunterschied gestoßen. Der Neubeginn kommt nicht ohne Abschied aus, so die implizite These der pastoralpsychologischen Sicht. „Aber das wissen wir doch!“, mag man dem vorschnell entgegenhalten. „Was sollen wir noch darüber reden? Es ist schlimm genug. Haben wir nicht die Aufgabe, den Menschen Perspektiven aufzuzeigen, anstatt über die Misere zu jammern?“ Gemeinsames Innehalten, Abstand gewinnen und Nachdenken ist in unseren Zeiten des permanenten Handlungsdrucks ein seltenes und kostbares Gut. Auf der Tagung konnte es – wenn auch nur kurz – gepflegt werden. Ich möchte ein paar Einsichten hier weiterspinnen.


Christen unserer Kirche zerfallen angesichts der gegenwärtigen Situation in zwei Gruppen: jene, die stärker die Opferperspektive einnehmen, in erster Linie Leid und Sorge äußern und sich identifizieren mit denen, die institutionell „verabschiedet“ werden auf der einen Seite. Auf der anderen Seite die, die die Bewegung in der kirchlichen Landschaft als schöpferische Chance begreifen und durchaus Lust verspüren, wegweisende Veränderungen einzuleiten und manches in Zukunft besser zu machen – auch überflüssiges abzuschneiden.

Dieses Gegenüber der zwei Grundstimmungen lässt sich an ein organisationspsychologisches Modell anschließen, das der Referent Ullrich Beumer vom Inscape-Institut auf der Tagung in Rendsburg vorgestellt hat: Bei Personen wie auch Organisationen lassen sich zwei emotionale Spannungspole wahrnehmen, die man „das leidende Selbst“ und „das schöpferische Selbst“ nennen kann. Stellt man sie sich vor als zwei gegenüberliegende und sich überschneidende Kreise, kann die Schnittmenge zwischen den beiden Kreisen als der Bereich des „(sich) annehmenden Selbst“ bezeichnet werden. Hier kommen Leidende und Kreative miteinander ins Gespräch, sind in der Lage, sich einander auszusetzen, einander zu tragen, zu ertragen und zu befruchten. Das Modell ist schlicht, aber brauchbar für die Gegenwartsanalyse in der Organisation:

In Zeiten starker Veränderung, so ist zu beobachten, steigert sich die Identifikation der einzelnen und ganzer Gruppen mit je einem Stimmungspol. Leidendes und kreatives Selbst driften auseinander und grenzen sich gegeneinander ab. Dies geschieht, weil alle es mit der Angst zu tun bekommen. Diejenigen, die leiden, ziehen sich zurück. Sie werden vielleicht sogar krank oder beschimpfen diejenigen, die angeblich und/oder tatsächlich die Verantwortung für ihr Leid tragen. Jene aber, die sich mit dem kreativen Pol stärker identifizieren, ergreifen die Initiative und übernehmen Verantwortung, sie kämpfen auch oft um Sicherheit, die in Zeiten des Wandels zu wünschen übrig lässt. Beide Reaktionen rühren also aus der gleichen Verunsicherung her, beide sind die Folge einer starken inneren Bindung an die Organisation. Die Folgen dieser Polarisierung allerdings sind fatal, der Bereich des akzeptierenden Selbst einer Institution verkleinert sich und destabilisiert die Organisation zusätzlich, es entsteht das Bild, der jeweils gegenüberliegende Gefühlsbereich würde die Organisation zerstören.

Es scheint ein diffuses Wissen über diese Dynamik der Entzweiung von Leidenden und Schöpferischen, von „Verabschiedern“ und „Neubeginnern“ zu geben. Es bewirkt, das in dieser Situation des Wandels wie in keiner anderen auf Einigkeit gedrängt wird. Einigkeit kann aber nicht heißen: Verdrängung des Leides und manische Identifikation mit dem kreativen Selbst einer Organisation, verbunden mit der Forderung, dass sich nun alle mit dem kreativen Selbst identifizieren müssten. Mit diesem Vorstoß kolonialisiert und schluckt das kreative Selbst das leidende Selbst in einer Weise, die noch die Aggression steigert. Annahme kann aber andererseits auch nicht heißen, den „Tätern“ in der Organisation, die die Entscheidungen schließlich fällen müssen, die umfassende Verantwortung für das eigene Leben in die Schuhe zu schieben.

Die zugrunde liegende, polarisierende Dynamik bestimmt derzeit viele Bereiche auch unserer wirtschaftlichen und politischen Öffentlichkeit. Sie bekommt allerdings unter dem Dach der Kirche einen zusätzlichen Antrieb, weil es mit der Auseinandersetzung um die Kirche als Organisation immer auch um Wohl und Wehe, um Heil und Unheil in einem existentiell umfassenden, in einem religiösen Sinn geht. Wie sehr man auch die Zwei-Reiche-Lehre Luthers oder die Unterscheidung von sichtbarer und unsichtbarer Kirche bemüht, immer wirkt die christliche Tiefengrammatik in haupt- und ehrenamtliche Seelen hinein und prägt die Rede von dem, was gut ist für die verfasste Kirche als „Heilsanstalt“. Die Vermischung ist zwar bewusst zu machen, aber nicht zu verhindern und heizt die Konfrontation von leidendem und schöpferischem Selbst der Institution an.

Beide Gruppen haben starke Argumente aus den biblisch theologischen Traditionen für sich. Die Leidenden und sich schwach Fühlenden finden sich wieder in der Umkehrungslogik des Neuen Testamentes: Die letzten werden die ersten sein. Sie spüren die reale Verletzung des Liebesgebotes in der verfassten Kirche. Der erlittene und/oder inszenierte Niedrigkeitstatus hat eine moralisierende Außenwirkung. Die Kreativen hingegen haben nicht weniger hinter sich als die Kraft des Glaubens, der bekanntlich Berge versetzen kann. Sie können mit Gott über Mauern springen und verlieren nie den Mut: Hoffnung soll nicht zuschanden werden! Wir können solche Optimisten aus Glauben trotz und angesichts der Situation immer wieder entdecken, und man wundert sich zuweilen, mit welcher Freiheit sie ans Werk gehen. Sie bewahren - Gott sei Dank - oft davor, dass die Organisation als ein Haus, das Existenzängste bindet, in eine kollektive Depression abgleitet. Jene haben allerdings guten Grund, diese Freiheit zu genießen, weil sie institutionell und existentiell ein hohes Maß an Sicherheit haben, unbezweifelt auch ein hohes Maß an Bindung. Ich denke an die Pastorinnen und Pastoren. Die Verquickung vom Beamtenstatus einerseits und der faktischen geistlichen Privilegierung an der volkskirchlichen Basis andererseits gibt ihnen im Gesamtgefüge der Organisation einen guten Stand, wenn sie denn „im Sattel“ sitzen. In einer Zeit hoffentlich im besten Sinne konservativer, das heißt bewahrender Reflexe hat diese Berufsgruppe am wenigsten zu befürchten, daran ändert auch das dreifach gegliederte Amt in der Verfassung der NEK nichts. Während der Pastor qua Amt den Vorsitz oder den stellvertretenden Vorsitz der entscheidenden Gremien wahrzunehmen hat, kann der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin diesen jenseits der Dienste und Werke nicht erreichen. Damit ist ein reales Machtgefälle verbunden. Das lässt sich nicht als rein organisatorisches Konstrukt abtun, es hat seinen geistlichen Hintergrund in der Tatsache, dass es bis heute nur ein ordiniertes Amt gibt.

Kann man daraus folgern, dass unter den Hauptamtlichen die leidensverdrängenden Impulse in der Tendenz eher aus der Pastorenschaft kommen, während das leidende Selbst wahrscheinlich eher im Bereich der Mitarbeiterschaft kultiviert wird? Das ist schwer zu beurteilen. Das Angstpotential in der Berufsgruppe der Pastoren und Pastorinnen ist wahrscheinlich keineswegs geringer, vielleicht sogar größer ist als unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Letztere mögen unabhängiger sein, weil sie schon einmal die Erfahrung gemacht haben, bei einem anderen Arbeitgeber zu arbeiten, und weil ihre Alterversorgung bei einer Entlassung nicht entwertet wird. Obgleich das Pastorenamt in diesen und anderen Abhängigkeiten steht, die sich zwiespältig entwickeln können, müssen Pastoren auf allen Ebenen eher den Kopf für die Aggressionen des leidenden Selbst hinhalten als alle anderen. Sich selbst als „Opfer der Verhältnisse“ wahrzunehmen und zu bezeichnen, kann daran nichts ändern.

Bei solchen Verallgemeinerungen ist allerdings äußerste Vorsicht geboten, weil jeder Organisationszweig seine besondere Grundstimmung entwickelt, und jeder Mensch schließlich über alle Strukturen hinaus seine eigene auch spirituelle Art hat, in der Welt zu handeln, ganz unabhängig von der Berufsgruppe. Der tiefgreifende Unterschied in der existenziellen Betroffenheit liegt ja eigentlich zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen.

Will Leitung erfolgreich sein, so die These des Referenten, dann muss sie dafür Sorge tragen, dass beide Seiten, das leidende Selbst und das schöpferische Selbst einer Organisation nicht auseinanderdriften, sondern integriert werden. Nur die Kenntnis und das Bewusstsein des einen von dem anderen, auch die Angewiesenheit beider auf einander, kann einen Raum der Annahme schaffen, in dem gut entschieden und intelligent gehandelt wird. Der Kreative muss den Leidenden als Teil seiner selbst erkennen, der Leidende die schöpferische Rolle entdecken. Das ist der Rollenwechsel, den auch eine demokratische Leitungsstruktur befördern kann. Viele Beispiele im aktuellen Reformprozess zeugen davon, dass dies gelingen kann. Und sie gelingen besonders dann, wenn eben beide Parteien ein notwendiges Maß an Distanz zur eigenen aber auch zur je anderen Rolle haben, wenn sie beides, das leidende und das kreative Selbst in sich entdecken und es miteinander austauschen können.

Wie kann dies möglich werden? Nur ein theologisches Schlaglicht: Es ist zum Beispiel zu versuchen durch die Glaubenseinsicht in eine umfassende Christologie, die so wenig Tod und Auferstehung Jesu Christi gegeneinander ausspielt, wie das leidende und das kreative Selbst gegeneinander ausgespielt werden können. Die mittelalterlichen Kruzifixe sind, im Bild gesprochen, zu ergänzen durch Lebensbäume, wo sie hängen, die Himmelfahrten durch Bilder der Ohnmacht. Man könnte fast meinen, der Referent hätte hier von paulinischer Theologie abgeschrieben und sie säkularisiert.

Wie aber geht man mit dem Abbruch von Arbeitszweigen, der Kündigung von Arbeitsplätzen um? Dass es hier arbeitsrechtliche Regeln gibt, entlastet alle, aber sie befreit nicht vom emotionalen Druck, der damit verbunden ist. Auch nicht vom geistlichen „duble bind“, dem Hauptamtliche ausgesetzt sind, wenn sie die Kirche als Arbeitgeberin verlassen aber als Getaufte weiter bewohnen wollen und sollen. Die Rede von den zwei Reichen kann dann niemand von außen verordnen, sie kann nur inwendig entdeckt und von einem Spiritual der eigenen Wahl bezeugt werden. Damit komme ich zurück zur Hilflosigkeit der helfenden Organisation. Es gibt einen Punkt, an dem die Hilflosigkeit der Wirklichkeit entspricht und nur noch ausgehalten werden kann: Wenn gekündigt wird, scheint keine Hilfe mehr ausreichend. Dann herrscht Ohnmacht bei allen, bei Leidenden und Kreativen.

Es gibt unter einigen Pastorinnen und Pastoren die Regel, keine Verwandten in Schwellenritualen zu begleiten. Da ginge zu viel durcheinander, Rollenkonfusion, bei Beerdigungen am schwersten, so die Anhänger dieser Sicht. Manche sagen aber auch, dies seien die besten Gottesdienste. In der Organisation stehen wir – durch die latente Gleichsetzung der Organisation mit der „familia dei“, mit der „Gemeinschaft der Heiligen“ – vor einer ähnlichen Frage. Die Lage wird dann noch verzwickter, wenn diejenigen, die durch ihr Amt zur Kreativität und Verantwortung berufen sind, sich der Trauernden annehmen, den Abschied gestalten wollen oder sollen und womöglich noch selbst des Trostes bedürfen. Wenn das die Situation ist, kann man in einer solchen Situation gemeinsam sinnvoll trauern, auch wenn alle betroffen sind? Freie Pfarrwahl für alle Abschiedsfeiern den Betroffenen, und unabhängige Seelsorger für die Leitenden. Das annehmende Selbst hat – jedenfalls in irdischen Gefilden – seine Grenze.

Marcus A. Friedrich